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flora_suche

Wir waren gerade dabei alles zusammenzupacken, nur noch diese eine Bahn. Nochmals einen letzten , nur noch halbwegs gebannten Blick auf den Bildschirm unseres Side Scan Sonars. Und urplötzlich tauchen da die schemenhaften Umrisse eines nicht natürlichen Objektes auf. Alle sind sofort hellwach und Kopf an Kopf reiht sich vor dem Monitor auf . Was ist es, schau mal da, eindeutig eine lange Gerade, schau mal den Schatten, sieht aus wie ein Aufbau, siehst du die Querplanken, eindeutig ein Schiff, check mal die Länge. Leider haben alle vergessen die Position des Fundes zu bestimmen, ziehen wir also noch einmal mal eine Runde, aber dass diesmal jeder aufpasst! Hol den Fisch etwas ein, Nicht langsamer werden! Er hängt noch zu tief, fahr den Radius nicht zu eng ! Ok halt dich etwa 50m neben der letzten Bahn , dann sollten wir es genau in die Mitte bekommen. Siehst du was? Wo ist es? Es sollte jetzt da sein. Wie viel Distanz zum letzten Kurs ? Daaa…..das ist es. Position bestimmen! Packt das Material zum ROVen wieder aus, wir wollen sehen wie das Ding in natura aussieht. Ist das ROV schon klar? Gut, dann wollen wir mal den Echograph laufen lassen und zusehen, dass wir das Ding draufhaben. Fahr mal Richtung Norden, so sollten wir es eigentlich längs haben. Ja hier kommt s. Ungefähr 1-1.5m hoch. Da, das müsste der Aufbau sein. Gespannt blicke ich auf den Thermoschreiber und frage mich gleichzeitig wie viel Fantasie es wohl erfordert um aus den dunklen Flecken auf dem Papier eine Schiffform herauszusehen. So, nun fahr noch mal von Westen her drüber und nimm noch mal nen Wegpunkt. Falls die Boje und die Leine klar ist, dann schmeisst sie auf Kommando. Nach einer weiteren Anfahrt auf die Zielkoordinaten kommt endlich das erhoffte; Boje raus. Irgendwie ist es doch immer wieder ein erhabener Moment, wenn das Blei mit der Leine tiefer und tiefer durch die Wasserschichten in die Dunkelheit saust und jeder an Bord gedanklich bei dem Klumpen ist, der die Verbindung von der Stille da unten zu der Welt hier oben herstellt. Für einen Moment ist die ganze Hektik raus und weicht langsam einer steigenden Spannung an Bord . Wir haben nun viel Zeit uns was immer auch da unten liegt, anzusehen. Unser Boot wird langsam zu der Boje hin in Stellung gebracht. Das seit Stunden vertraute Motorengeräusch setzt aus. Am Heck stehen nur noch die Zwei, mit den zusammengekniffenen Gesichtern, die das relativ schwere ROV möglichst behutsam ins Wasser gleiten lassen. Der Rest versucht schon mal ,sich einen möglichst strategisch guten Platz hinter dem Piloten um den Monitor herum zu verschaffen. Langsam gleitet die ferngesteuerte Kamera am Seil entlang in die Tiefe. Nur das leise Surren der Elektromotoren ist zu hören. Mal sehen wer als erstes wieder atmet. Am oberen Rand des Bildschirms läuft der Tiefenmesser … 53m 57m 61m 65m 70m. Da! Wir sind unten. Eine feine Sedimentschicht wird aufgewirbelt und nimmt uns schlagartig jede Sicht. Jetzt nur nicht hektisch werden ,erst mal abwarten bis sich etwas Sicht einstellt. Fast unmerklich zeichnen sich die ersten Konturen aus den Sedimentflocken . Im Hintergrund baut sich eine schattenartige Wand aus dem Dunkeln auf. Instinktiv hebt unser Pilot das ROV an und beginnt in diese Richtung zu schweben . Das Wasser wird nun klarer und die Konturen werden zu einer hölzernen Schubkarre, welche aussieht wie gestern eben erst abgestellt. Ja , so ein Bild hab ich schon mal gesehen . Ich bin mir jetzt ganz sicher , da muss ein Schiffwrack kommen. Das Surren der Elektromotoren unterbricht meine Gedanken . Die Zeitreise geht weiter. In den Lichtkegeln der Scheinwerfer erscheint eine Bordwand , fantastische Momente und unbeschreibliche Szenen spielen sich bei uns ab. Leider hat nicht jeder Platz im Bildschirm. Es ist immer wieder ein gewaltiges Gefühl so nahe an der Geschichte zu sein. So ein Schiffswrack ist wie eine Zeitkapsel. Vor über hundert Jahren ist auf dem See ein Unglück passiert und im Moment des Untergangs wurde unter der Wasseroberfläche die Zeit angehalten. Während in unserer Welt die Suche eingestellt wurde, die Spekulationen verebbten und Schiffführer Camenzind von Gersau, Jmholz aus Uri , Hoffmann von Weggis, Schnyder aus Luzern und Flabbi aus Südtirol langsam in Vergessenheit gerieten, sind wir wieder an dem Punkt angelangt, als das Schiff damals seine Lage auf dem Grund fand. Es ist unglaublich wie gut erhalten sich die Naue uns zeigt . Fast alle Details lassen sich klar erkennen. Das Ruderblatt steht gerade. Die Türe zum Maschinenraum scheint nur angelehnt. Neben dem Kajütendach steht ein Scheinwerfer. Auf dem Boden im Steuerstand liegt ein Hammer. Wer diesen wohl zuletzt in der Hand hielt? Langsam lassen wir die Kamera über den nach oben offenen Maschinenraum gleiten. Da, ein Messingschild ! Fahr ganz vorsichtig darauf zu Horst. Was steht da? Mas..ch.i..nen..fabri..k Adolp..h Sau..rer Arbon , Schweiz Pa…tentn.t n.ummer…… Ge…grün..det 1853 . Sagenhaft ! Es wird langsam Zeit Leute, wir sollten einpacken. Alle erwachen wie aus der Trance. Es ist Dunkel geworden in der Zwischenzeit. Jeder Handgriff sitzt, kein Wunder bei der Motivation. Horst dreht den Zündschlüssel. Ein vertrautes Geräusch setzt ein. Die Boje lassen wir da, wir werden morgen wieder zurückkommen……

Text: Daniel Bernhard

flora_suche.txt · Last modified: 2014/12/20 19:09 (external edit)

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